Erinnerungen sind Bilder die Gefühle wecken, die wiederum die Seele zum Klingen bringen.

20160816_053830Was macht eine Alm mit dir? Der Versuch einer Erklärung.

Begleitet mich heute in mein Land der Erinnerung. Solltet ihr ein ähnliches Land kennen, nehmt eure eigenen Bilder und ergänzt diese mit meinen. Mein Land ist diesmal die Alm auf der ich diesen Sommer verbracht habe. Erfahrungen machen wir mit unseren Sinnen, abgespeichert werden sie im emotionalen Gedächtnis und der Schlüssel dazu sind wiederum die Sinne!

Zuerst war die Freude auf etwas Neues und die Neugierde da. Die Freiheit, spontan die Idee zur Tat machen zu können, erfüllte mich mit Dankbarkeit. Der erste Blick auf meine Alm, wie die Hütte sich groß und mächtig an den Berg lehnt, vermittelte mir Sicherheit.

Die Stille, die ich beim ersten Besuch als tonlos empfand, füllte sich im Laufe des Sommers mit verschiedenen Klängen. Vom dumpfen Ton der Kuhglocken bis hin zum hellen Klingeln der Ziegenglocken, über das Muhen, Meckern, Bellen und Grunzen aus dem Tierreich, bis hin zum Rufen und Locken der Hirten waren die Morgen- und Abendstunden gefüllt. Das Lachen und Scherzen der Gäste und Mitarbeiter zog sich wie eine Symphonie durch die Tage. Nur beim genauen hinhören offenbarten sich auch die leisen Töne. Das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Wispern der Gräser und das Rascheln der Schwarzbeeren- und Erikastauden, wenn ein Bein sich daran reibt. Von Zeit zu Zeit auch das mächtige Donnergrollen, das sich wie eine Welle über die Alm rollte.

Beinahe überfordert war meine Nase mit den vielen neuen Eindrücken. Erwartet war der leicht modrige Geruch beim ersten Besuch. Der leicht salzig, säuerliche Geruch des Käses, zuerst fremd und fast ein wenig ekelerregend, wurde im Laufe des Sommers so prägend, dass er jederzeit abrufbar ist, und mir die Alm in den Alltag bringen kann. Überrascht hat mich, dass der Eigengeruch der Kühe und Ziegen nicht intensiver war, sondern sich fast harmonisch im Bukett der Almdüfte einfügte. Den ganzen Tag über begleiteten mich die Düfte aus der Küche, aber morgens und abends entfalteten sich auch die feinen Nuancen der Blumen und Gräser.

Mein Gaumen jubelte über die unverfälschten Geschmacksexplosionen. Am Morgen gab ein Schuss Ziegenmilch dem Kaffee erst einen vollen, runden Geschmack. Die verschiedenen Säuregrade einer natürlich gereiften Buttermilch auszuprobieren, das gibt es eben nur auf einer Alm! Selbstgemachtes Joghurt schmeckt allein schon deshalb besser, weil es von mir handgerührt ist. Ganz zu schweigen vom Topfen, Butter, Schotten und der Milch in denen die Gräser der Alm zu schmecken sind. Mein Lieblingsnahrungsmittel ist und war der Gailtaler Almkäse. Vielleicht auch, weil ich diesen im Winter im Tal ebenfalls genießen, und mir damit den Geschmack der Alm auf die Zunge und ins Herz holen kann.

Die Erinnerungen sind aufgefrischt und festgehalten, nur die Frage was die Alm mit dir macht noch nicht beantwortet. Über diese Frage habe ich lange nachgedacht und in meinem Inneren die Antwort gesucht. Hektik, Stress, schlechte Nachrichten, Pflichten, Regeln und noch vieles mehr sind im Tal geblieben. Auf der Alm gibt es nur ein Leben im Hier und Jetzt. Die Sonne bestimmt den Tagesablauf, die Tiere das Tempo und die Witterung das Ausmaß an Arbeit. Kein Telefon, Computer oder Fernseher lenkt dich von deinen Bedürfnissen ab. Damit kommst du in deine Mitte und kannst aus dieser deine volle Stärke leben. Deinen Lebensrhythmus finden und diesen so lange zu leben, dass er dir in Fleisch und Blut übergeht, ist die nachhaltigste Wirkung der Alm.

Leben im Augenblick – ist meine tiefste Erkenntnis aus dem Almsommer!

 

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