Spuren im Herzen


Das Weh – fühlt Abschied, Trauer, Schmerz,
Der Mut, blickt hoffnungsvoll in die Zukunft,
bewahrt schöne Erinnerung.

Ganz fasziniert steht das Mädchen vor dem Wohnzimmerfenster und verfolgt atemlos ein Schauspiel, das sich draußen abspielt. Ein aufgeregtes Hin und Her, Auf und Ab, senkrechtes zu Boden stürzen wechselt sich mit abrupten Wendemanöver ab. Das Ganze untermalt, von einem wilden Gezwitscher. „Mama, Mama was ist da los?“ ruft die Kleine in den Raum. „Die Schwalben sammeln sich um die gemeinsame Reise nach Afrika anzutreten“ gibt die Mutter dem Kind Auskunft, und stellt sich ebenfalls ans Fenster um dem Treiben davor, zuzusehen.
Einträchtig beobachten Mutter und Tochter wie sich der Schwarm formiert, immer dichter wird und sich dem Himmel entgegenschraubt. Plötzlich ist es still geworden, die letzten zwei, drei Vögel beeilen sich den Anschluss nicht zu verpassen und weg sind sie. „Ich will nicht, dass die Schwalben fortfliegen, sie sollen da bleiben“ ruft das Mädchen und schiebt trotzig die Unterlippe vor. „Sie kommen ja im Frühling wieder, bei uns ist es für viele Vögel im Winter zu kalt, deshalb fliegen sie in den Süden“ beruhigt die Mutter ihr Kind. „Ich will aber, dass alle dableiben und kalt soll es auch nicht sein. Ich wünsche mir immer Sommer“ verlangt das Mädchen und stampft dazu mit dem Fuß.
„Komm mal her“ verlangt die Mutter und zieht ihre Tochter zu sich auf die Couch. Sie nimmt das Mädchen in den Arm und fängt zu erklären an. „Schau, wenn immer alles so bleiben soll, wie es gerade ist, dann würde aus dir niemals ein großes Mädchen werden. Wenn immer nur Sommer wäre, könntest du auch keinen Schneemann bauen und mit dem Schlitten den Berg runter rasen.“ Traurig schüttelt das Mädchen den Kopf und sagt „aber es tut da weh“ und klopft dabei mit der Hand auf ihren Brustkorb, „wenn keine Vögel mehr am Himmel sind, die Sonne nicht mehr so warm ist und die Nacht sooo lang dauert.“ „Mein Liebes“ beginnt die Mutter, und streichelt dabei beruhigend über den Kopf des Kindes „was da weh tut, ist der Abschiedsschmerz. Wenn etwas Schönes vorbei ist, blicken wir Menschen zurück und sehen dabei nur die Dinge, die uns Freude gemacht haben. Dieses Gefühl, dass sich dabei in dem Herzen einnistet nennt man auch Wehmut. Es tut weh, aber da ist auch der Mut drin, sich an dem Vergangenen zu erfreuen, und gleichzeitig nach Vorn zu schauen und sich auf das Kommende zu freuen.“ „Wie soll ich denn wissen was kommt“ verlangt das Mädchen aufseufzend zu wissen. „Denk mal zurück, was haben wir letztes Jahr im Herbst und Winter unternommen?“ versucht die Mutter ihr Kind zum Nachdenken anzuregen. Ganz aufgeregt fängt das Mädchen zu plappern an „ich weiß, spielen mit Papi, kuscheln auf der Ofenbank, im Laubhaufen liegen, Kekse backen, Geschenke basteln.“ „Siehst du“ unterbricht die Mutter das Kind, „wenn wir uns auf das Kommende freuen, dann tut es auch nicht so weh, wenn etwas Anderes weggeht.“
Eine Zeit lang sitzen die Zwei stumm nebeneinander und hängen ihren Gedanken nach. Plötzlich hebt das Kind seinen Kopf und fängt leise zu reden an, „aber, wenn ich weiß das es niemals mehr so wird wie es mal war, dann tut es aber da drin sehr weh“ und zeigt dabei auf sein Herz. Die Mutter lächelt das Mädchen verständnisvoll an und nickt zustimmend. „Ich weiß, was du meinst“ bestätigt sie. „Als letztes Jahr deine Omi gestorben ist, waren wir alle sehr traurig, weil wir wussten, dass wir sie nie mehr sehen werden. Kannst du dich noch erinnern, was wir gemacht haben das es nicht mehr so geschmerzt hat?“ fragt sie ihre Tochter. „Geweint?“ flüstert das Mädchen fragend. „Ja, und dann haben wir über die vielen Erlebnisse mit Omi gesprochen und uns dabei erinnert, wie viel wir zusammen gelacht haben.“ Verstehend blickt das Mädchen seiner Mutter ins Gesicht: „Traurigkeit können wir mit Tränen und Erinnerungen vertreiben, oder?“ Die Mutter drückt dem Kind einen tröstenden Kuss auf die Wange und sagt dann: „mein Kind, wenn die Schwalben fortziehen oder deine Puppe verloren geht, dann ist die Traurigkeit wie ein Nebelschleier den die Sonne auflöst. Wenn aber ein Mensch, den du sehr lieb hast, nicht mehr da ist, dann ist das wie eine dunkle Nacht, da musst du suchen bis du ein Licht findest. Erinnerungen können so ein Lichtschimmer sein. Erzähl mir, wie hat sich dein Herz angefühlt wie Omi weg war?“ Zögernd fängt das Mädchen zu sprechen an „zuerst war mein Herz ganz schwer, wie wenn ein großer Stein darin sei, und ich habe es bis zu den Beinen gespürt. Jetzt ist es auch schwer, aber mehr so als ob ein tiefer, dunkler Ton da drinnen brummt.“ „Siehst du“ nickt die Mutter „die Erinnerung hilft nicht nur den Schmerz zu vertreiben, sie ist auch der Stift der die Gefühle in dein Herz schreibt.“ Kurze Zeit schweigt das Mädchen nachdenklich, dann will es genaueres wissen. „Alles, was ich fühle wird in mein Herz geschrieben? Wenn ich mich freue, weil das Spielen mit meiner Freundin so lustig ist, oder wenn ich dich und Papi liebhabe, oder wenn ich zornig bin, weil mich der Nachbar Junge ärgert, das alles steht dann in meinem Herz?“ Leise lächelnd spricht die Mutter: „ja, alle diese Gefühle hinterlassen Spuren in deinem Herzen. Sie werden mit vielen verschiedenen Stiften geschrieben. Manche Linien sind ganz dünn und zart, andere, wie die Liebe zur Omi oder zu Papi und mir sind mit einem dicken Stift gemacht, und diese werden auch immer wieder nachgezogen, sodass sie ganz tief werden.“ „Dann ist die Traurigkeit, weil die Schwalben weg sind nur mit Bleistift gemacht“ will das Mädchen wissen. „Genau“ bestätigt die Mutter: „du bestimmst welche Menschen und Gefühle Spuren hinterlassen dürfen. Achte also immer darauf welche Erinnerung du behalten willst und freue dich auf all das Schöne das dich erwartet.“ „Dann ist es gut, dass die Schwalben im Winter nicht kalt haben und ich freue mich, wenn ich sie im Frühling wieder begrüßen kann“ erklärt das Mädchen und hüpft vom Schoss seiner Mutter.

Albert Schweitzer: Das einzig Wichtige im Leben sind Spuren von Liebe, die wir hinterlassen.

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